Faszination Wildgänse- Gänse am Niederrhein

Ein Naturspektakel besonderer Qualität und Güte zieht im Winter jedes Jahr aufs Neue Naturliebhaber in seinen Bann: Zigtausende von Gänsen versammeln sich dann am Unteren Niederrhein und erfüllen die Luft mit ihrem Schnattern

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Die ersten Wildgänse erscheinen schon ab Ende September. Immer wenn es in den arktischen Sommerquartieren zu starken Kälteeinbrüchen kommt, brechen sie zum Flug in wärmere Regionen auf. Das wintermilde Klima am Niederrhein übt dabei besondere Anziehungskraft auf die Gänse aus. Ende November sind dann die Höchstzahlen erreicht und bis zu 180.000 arktische Gänse bevölkern die Wiesen und Rheindeiche zwischen Duisburg und Nijmwegen. Die Scharen der Gänse sind nun bis Anfang März nicht zu übersehen und zu überhören.

Einen weiten Weg haben die Vögel hinter sich. Immerhin 5000 Entfernungskilometer haben viele von ihnen zurückgelegt. Ihre Heimat ist Spitzbergen, Grönland oder Sibirien, dort ist es jetzt viel zu unwirtlich, um bleiben zu können.  Die 5000 km Wegstrecke können die Gänse nicht in einem Rutsch zurücklegen, es kommt aber vor, dass sie Strecken von bis zu 1000 km am Stück bewältigen. Bis zu 80 km/h fliegen sie dabei. Unterwegs machen die Gänse in ihren Herbstrastgebieten halt, das letzte größere Rastgebiet liegt an der Ostsee in Mecklenburg-Vorpommern. Das Gros der Gänse erreicht dann im November die Winterquartiere am Niederrhein. Den gesamten Winter über bleiben sie hier, aber immer wieder kommt es zu Zwischenzügen und in besonders harten Winter auch zu Weiterzügen in den Westen nach England.

Vor allem Blässgänse aus Sibirien überwintern am Niederrhein. Rund 150.000 von ihnen, ein Drittel bis die Hälfte des Weltbestandes, nutzt den Niederrhein als Winterquartier, der damit eine große Bedeutung für die Art hat. Hier wächst das Gras auch im Winter noch und nur selten herrscht Dauerforst.

Ihren Namen haben Blässgänse wegen des weißen Fleckes auf der Stirn direkt über dem Schnabel erhalten. Dieser weiße Fleck ist ein gutes Artkennzeichen. Auch die schwarzen Streifen am Bauch kennzeichnen die Blässgans. Mit einer Körpergröße von 65 bis 78 cm ist sie deutlich kleiner als Grau- und Saatgans.

Die Saatgans war früher am Niederrhein viel häufiger als Wintergast anzutreffen als heute. Nur noch rund 10.000 Saatgänse sind im Winter anwesend. Die Saatgans hat einen auffällig dunklen Kopf und wirkt allgemein auch dunkler, der zweifarbige Schnabel ist schwarz und gelborange gefärbt.. 

 

 

Noch größer und schwerer als die Saatgans wird die Graugans, von der unsere Hausgänse abstammen. Bis 90 cm können Graugänse groß werden, ein Gewicht von 4 kg erreichen und eine Flügelspannweite von bis zu 180 cm. Graugänse haben einen sehr wuchtigen, karottenähnlichen, orangen Schnabel und halten sich ganzjährig im Gebiet auf und brüten hier auch zahlreich.

Noch zehn weitere Gänse- und Halbgänsearten sind schon am Niederrhein gesichtet worden.. Wenn man gezielt Ausschau hält, wird man neben den drei genannten Arten auch noch Weißwangen- oder Nonnengänse entdecken können, die schwarz-weiß gefärbt sind und allein dadurch leicht identifiziert werden können. Häufig ist in den letzten Jahren die Nilgans geworden, die bunter erscheint als die anderen Gänse und um das Auge einen schokoladenbraunen Ring hat. Nilgänse sind Halbgänse, stehen in den Merkmalen zwischen Gänsen und Enten und stammen ursprünglich aus Ägypten, breiten sich aber seit Jahren immer mehr aus.

Auch Rothalsgänse, Streifengänse, Schneegänse, Rostgänse, Kanadagänse und Ringelgänse verschlägt es mitunter an den Niederrhein und Experten entdecken bisweilen auch schon mal eine Kurzschnabelgans oder eine Zwerggans zwischen den Scharen der Blässgänse. Gerade letztere erlangten vor nicht langer Zeit Berühmtheit, weil sie von französischen Vogelschützern mit Ultraleichtfliegern  von Schweden zum Niederrhein eskortiert wurden, wo für die das Überwintern gefahrloser möglich ist als in den angestammten Überwinterungsquartieren in Griechenland und der Türkei.

Zurück zu den Blässgänsen, die hier am Niederrhein so dominant sind. Ihr Tagesablauf beginnt morgens früh, wenn die Sonne aufgeht. Dann fliegen sie in großen Trupps von ihren Schlafplätzen zu den Wiesen und Weiden in der Rheinebene. Sie sind dabei recht ruffreudig und anhand ihrer klaren, helleren Rufe kann man die anfliegenden Gänse bereits sicher von anderen Gänsearten unterscheiden. Auf den Weiden der Rheinebene äsen die Blässgänse den ganzen Tag über das Gras ab. Mittags fliegen sie häufiger zu Gewässern, um zu trinken. Nachdem die Gänse den ganzen Tag geäst haben, fliegen sie abends zu ihren angestammten Schlafplätzen zurück. Diese liegen an ruhigen, größeren Gewässern, wo die Gänse im flachen Uferbereich oder auf Inseln sicher vor Füchsen die Nacht verbringen. Da Gänse Futter aufnehmen, das nur wenig Nährwert hat, müssen sie fast den ganzen Tag über fressen. Ein Drittel ihres eigenen Gewichtes müssen sie täglich an Gras fressen. Wenn die Gänse wegen Störungen auffliegen, verbrauchen sie Energie und müssen diese erneut wieder anfuttern. Aus diesem Grund ist es besonders in strengen Wintern, wenn auch am Niederrhein das Gras nur noch sehr spärlich oder überhaupt nicht mehr nachwächst, wichtig, dass man die Vögel nicht stört. Solange man Gänse vom Auto aus beobachtet und sich nicht aus dem Autofenster herauslehnt oder das Auto ganz verlässt, wird nichts passieren und man kann die äsenden Gänse in Ruhe beobachten.

ein Trupp Saatgänse auf einem Feld

Spätestens im März verlassen die Gänse den Niederrhein wieder. Bis dahin haben die Familien eng zusammengehalten, Eltern und Kinder Kontakt zueinander gewahrt. Den Junggänsen fehlen noch die schwarzen Bänderungen auf dem Bauch, daran kann man sie gut erkennen. Weniger erfahrene Beobachter verwechseln junge Blässgänse aus diesem Grund aber auch mit Saatgänsen. Auf dem Rückzug ins Sommerrevier werden sich die Familienverbände dann nach und nach auflösen. In Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Polen werden die Blässgänse wieder Zwischenstopps einlegen, um sich weitere Fettreserven anzufressen. Da Blässganspaare ein Leben lang zusammenbleiben, geht keine Zeit für die Partnersuche verloren. Der arktische Sommer ist nur kurz- und so wird direkt nach Ankunft in der sibirischen Brutheimat mit der Eiablage begonnen - ein neuer Kreislauf beginnt!