Geliebt und gehasst, aber kaum jemandem gleichgültig: Die Dohle

 

 

Kommt man in diesen Tagen nach Gemen und besucht das Schloss, kann man den Eindruck gewinnen, dass Dohlen die wahren Burgherren sind. Überall sind ihre lauten Rufe zu hören, kann man ihre Flugkünste bewundern und ihr Treiben studieren. Jeder irgendwie für sie geeignet erscheinende Fleck wird besetzt und augenblicklich beginnen die Vögel damit, ihre Nester zu bauen.

 Dabei erweisen sich die Dohlen, die als Höhlenbrüter ursprünglich in Schwarzspechthöhlen und anderen natürlichen Baumhöhlen brüteten, als überaus flexibel. Nicht nur hohle Bäume- in Gemen sind es vor allem Linden- dienen als Nistplatz, auch die Schießscharten der Burg und alle anderen Öffnungen im trutzigen Gebäude werden zur Bruthöhle umfunktioniert und wer weder eine Höhle, noch eine Schießscharte abbekommt, der brütet hier sogar offen im Efeu. Zweig um Zweig, Ästchen um Ästchen werden von den fleißigen Vögeln gesammelt und in die Löcher gestopft, bis den Bauherren das Nest genügend unterfüllt erscheint und im Efeu türmen sich die Zweige fast meterhoch. Da Dohlen auch in offenen Kaminen und Schornsteinen so verfahren, sollte man unbedingt Dohlenschutzgitter an diesen befestigen wie es auch hier an der Burg Gemen der Fall ist.

Dohlen gehören zu den Rabenvögeln (Familie Corvidae) und wie alle Mitglieder dieser erlauchten Familie sind sie hochintelligent und anpassungsfähig. Nicht nur in der Wahl der Brutplätze, auch in ihren Ernährungsgewohnheiten wird dies deutlich. Als Allesfresser, die Würmer und Schnecken, Getreidekörner, Früchte und Abfälle aufnehmen, sind sie auch sehr findig im Aufspüren von Vogeleiern und Jungvögeln. Bei mir zu Hause konnte ich mehrfach beobachten wie ein Dohlenweibchen sich auf einen Meisennistkasten setzte und gemeinsam mit dem Männchen, das vor dem Kasten wartete, Jagd auf die fast flügge gewordenen Jungmeisen machte.

Mühevoller Lufttransport von Nistmaterial

 

 Die Vorliebe für Jungvögel und Eier macht Dohlen in unseren Augen bisweilen unsympathisch; viel leichter kann man es ihnen da schon verzeihen, wenn sie hier am Schloss den Stockenten das von wohlmeinenden Menschen zugeworfene Brot  entreißen. Dohlen sind gut erforschte Vögel, die auch viele besonders liebenswerte Eigenschaften haben. Schon der Nobelpreisträger Konrad Lorenz beschäftigte sich mit ihnen und fand heraus, dass in einer Dohlenkolonie eine genaue Rangordnung festgeschrieben ist.

Mühevoller Lufttransport von Nistmaterial

 

Es gibt ranghohe und rangniedrige Vögel und dementsprechend sichern sich die ranghohen Dohlen auch die besten Nistplätze. Die Rangordnung wird durch Verpaarung verändert. Wenn sich ein rangniedriges Weibchen mit einem ranghohen Männchen verpaart, dann steigt das Weibchen sofort in den Rang des Männchens auf (Frau Doktor lässt grüßen!). Bei den unverpaarten Dohlen haben immer die Männchen einen höheren Status als die Weibchen.

Geschick ist gefragt, um die Zweige zu verarbeiten

 

Bei den Dohlen hält die Liebe im allgemeinen ein ganzes Leben lang. Partner, die sich einmal gefunden haben, bleiben zusammen und pflegen ihre Beziehung. Sie halten sich dicht beieinander auf, kraulen sich gegenseitig am Kopf, erkämpfen sich gemeinsam eine Bruthöhle und streiten mit anderen Paaren und ziehen jedes Jahr von Neuem miteinander Junge auf. Auch nach vielen Jahren gehen die Partner noch gleich zärtlich miteinander um.

Geschick ist gefragt, um die Zweige zu verarbeiten

 

Der Zoologe Karl von Frisch berichtet von der Paarbildung bei Dohlen: „Schon am Ende des ersten Lebensjahres wählen Dohlen ihre Partner, obwohl sie erst ein Jahr später überhaupt Junge bekommen können. Ein ganzes Jahr lang sind Dohlenweibchen und Dohlenmännchen also verlobt.

Eine räuberische Dohle stibitzt Material aus einem fremden Nest

 

Vor dem Verloben aber werben die Männchen um ihre Weibchen. Dohlenmännchen haben keinen bunten Federschmuck und keine so schöne Stimme wie eine Grasmücke oder eine Nachtigall. Der Dohlenmann versucht seinem Weibchen auf andere Weise zu gefallen. Er reckt sich hoch, um möglichst groß zu erscheinen und Eindruck zu machen. Er streitet sich mit anderen Dohlen, oder er tut so, als besäße er eine Nisthöhle, irgendein Loch, das zum Brüten völlig unbrauchbar ist. Wenn das Weibchen an dem Männchen Gefallen gefunden hat, so zeigt es das in einer Art Ergebenheitsgebärde an.

Eine räuberische Dohle stibitzt Material aus einem fremden Nest

 

Es duckt sich hin, zittert mit den Flügeln und dem Schopf, so wie wir es auch bei anderen Vogelweibchen sehen können. Von da ab gehört das Paar zusammen und bildet eine feste Gemeinschaft.“ 

 

All diese Verhaltensweisen kann man hier in der Kolonie in Gemen beobachten. Turtelnde Dohlen sieht man ebenso wie streitende, frisch vermählte wie alte Ehepaare. Man kann aber auch beobachten, wie Dohlen mühevoll Nistmaterial anschleppen und andere sich diese Mühe sparen und stattdessen lieber den ein oder anderen Zweig aus einem fremden Nest stibitzen. Man sieht Dohlen, die Flugspiele durchführen, aus Spaß an der Freude, die den Frühlingstag genießen. Langweilig wird es hier jedenfalls nie- je länger man guckt, desto mehr sieht man- und alles vor der herrlichen Kulisse von Schloss Gemen..  

 

Kopulation

 

Dohlen im Anflug an das Nest.

 

 

Brutpaar im Efeu

 

Als Nistmaterial wird alles mögliche gebraucht

 

Skeptisch beäugt das Männchen ihre gesammelten Schätze